Vom Kollegen zur Führungskraft: Deinen Rollenwechsel gut gestalten
Plötzlich bist Du nicht mehr „eine*r von vielen“, sondern die Person, die Entscheidungen trifft, Prioritäten setzt und Feedback gibt. Der Schritt von der Kollegin oder dem Kollegen zur Führungskraft ist einer der größten Rollenwechsel im Berufsleben – fachlich, aber vor allem menschlich.
Dieser Artikel unterstützt Dich dabei, Deinen Rollenwechsel bewusst, klar und wertschätzend zu gestalten.
Was sich mit Deiner neuen Rolle wirklich verändert
Du bleibst dieselbe Person – und gleichzeitig verändert sich vieles:
- Du triffst Entscheidungen, statt nur eigene Aufgaben zu bearbeiten.
- Du priorisierst Arbeit für andere, nicht nur für Dich selbst.
- Du wirst stärker an Ergebnissen des Teams gemessen, nicht nur an Deiner eigenen Leistung.
- Deine Worte haben mehr Gewicht – im Positiven wie im Negativen.
- Beziehungen zu ehemaligen Kolleg*innen verändern sich:
von „auf Augenhöhe als Gleichgestellte“ zu „auf Augenhöhe, aber mit neuer Verantwortung“.
Wichtig: Der Rollenwechsel passiert nicht automatisch, nur weil die Stellenbezeichnung sich ändert. Du musst ihn bewusst gestalten – nach außen und nach innen.
1. Deine innere Klärung: Wie verstehst Du Deine neue Rolle?
Bevor Du mit anderen sprichst, kläre für Dich:
- Welche Aufgaben gehören jetzt zu meiner Rolle, die ich vorher nicht hatte?
- Wofür trage ich ab jetzt Verantwortung (Menschen, Themen, Ergebnisse)?
- Wofür bin ich nicht mehr primär zuständig, obwohl ich es fachlich gut könnte?
- Welche Art von Führungskraft möchte ich sein? (Stichworte: vertrauensvoll, klar, unterstützend, transparent…)
Du kannst Dir z. B. zwei Spalten machen:
- „Was ich aus der alten Rolle mitnehme“ (z. B. Fachwissen, Vertrauen im Team, Humor, Offenheit)
- „Was neu dazukommt“ (z. B. Entscheidungen treffen, schwierige Gespräche führen, Grenzen setzen)
Diese Klarheit hilft Dir, nach außen konsistent zu handeln.

2. Offene Kommunikation mit dem Team: Den Rollenwechsel ansprechen
Wenn Du aus dem bestehenden Team in die Führungsrolle gehst, kennen Dich alle bereits. Das ist ein Vorteil – und eine Herausforderung.
Sinnvoll ist ein offenes Gespräch mit dem gesamten Team, möglichst früh:
Inhalte könnten sein:
Transparenz
- Wie ist es zu Deiner neuen Rolle gekommen?
- Welche Verantwortung übernimmst Du jetzt?
Dein Selbstverständnis als Führungskraft
- Was ist Dir wichtig in der Zusammenarbeit?
- Wie möchtest Du mit dem Team zusammenarbeiten (Feedback, Entscheidungen, Kommunikation)?
Einladung zum Dialog
- „Mir ist klar, dass sich unsere Zusammenarbeit verändern wird. Ich möchte offen damit umgehen und freue mich, wenn Ihr mir rückmeldet, was Euch unterstützt oder irritiert.“
Wichtig:
Sprich Deine frühere Rolle ruhig an („Wir haben bisher als Kolleg*innen zusammengearbeitet…“), statt so zu tun, als hätte es sie nie gegeben.
3. Freundschaft & Führung: Gesunde Nähe, klare Grenzen
Besonders heikel: Wenn Du vorher enge Freundschaften im Team hattest.
Dilemmata können sein:
- Wie gehst Du mit vertraulichen Informationen um, die Du früher als „Buddy“ bekommen hast?
- Wie vermeidest Du den Eindruck von Bevorzugung?
- Wie bleibst Du Du selbst, ohne „Kumpelmodus“ in Situationen, die Klarheit erfordern?
Hilfreich sind bewusst gesetzte Grenzen:
- Dienstliche Themen werden gleich behandelt – unabhängig von persönlicher Nähe.
- Vertrauliche Führungsinformationen bleiben bei Dir – auch gegenüber Freund*innen im Team.
- Private Gespräche eventuell stärker aus der Arbeitszeit herauslösen (z. B. nach Feierabend).
Du kannst das auch ansprechen, z. B. im 1:1:
„Du weißt, dass mir unsere persönliche Beziehung wichtig ist. Gleichzeitig habe ich jetzt eine Rolle, in der ich für das ganze Team Verantwortung trage. Mir ist wichtig, fair zu handeln – auch wenn wir uns gut kennen. Lass uns offen bleiben, falls sich etwas komisch anfühlt.“
4. Von „mitarbeiten“ zu „ermöglichen“: Deine Aufgaben verschieben sich
Viele neue Führungskräfte bleiben zu lange in der alten Rolle: Sie machen vor allem Fachaufgaben weiter und „führen nebenbei“. Auf Dauer führt das zu Überlastung – bei Dir und im Team.
Frag Dich regelmäßig:
- Welche Aufgaben muss ich als Führungskraft selbst machen?
- Welche Aufgaben kann und sollte ich abgeben, damit andere wachsen können?
- Wo bin ich gerade eher „Fachexpert*in“ als „Führungskraft“ – und ist das noch sinnvoll?
Führung heißt:
- Orientierung geben (Ziele, Prioritäten, Rahmen)
- Ressourcen sichern (Zeit, Informationen, Unterstützung)
- Entwicklung fördern (Feedback, Coaching, Chancen geben)
- Entscheidungen treffen und vertreten
Du kannst trotzdem fachlich mitarbeiten – aber bewusster und nicht mehr überall.

5. Klare Entscheidungen treffen – und begründen
Ehemalige Kolleg*innen werden genau beobachten:
- Triffst Du Entscheidungen klar – oder versuchst Du es allen recht zu machen?
- Bevorzugst Du manche („alte Freunde“)?
- Versteckst Du Dich hinter „oben“ („Das kommt von der Geschäftsführung…“)?
Für gute Akzeptanz hilft:
Transparenz:
- Warum wurde wie entschieden?
- Welche Kriterien waren wichtig?
Konsistenz:
- Ähnliche Fälle werden ähnlich behandelt.
Einbindung:
- Du holst Inputs ein, bevor Du entscheidest – aber Du benennst auch, dass am Ende Du entscheidest (wenn das so ist).
Satzbausteine können sein:
„Ich habe mir Eure Sicht angehört und die Rahmenbedingungen geprüft. Wir entscheiden jetzt XYZ, weil…“
„Mir ist klar, dass das nicht für alle die Wunschlösung ist – aber das sind die Gründe, warum ich so entscheide.“
6. Feedback geben – und Feedback annehmen
Als neue Führungskraft musst Du häufig Rollen wechseln:
Gestern noch „Kolleg*in auf Augenhöhe“, heute die Person, die auch kritisches Feedback gibt.
Beim Feedback geben:
- Konkretes Verhalten, nicht den Charakter ansprechen.
- Ich-Botschaften nutzen („Mir ist aufgefallen…“, „Ich erlebe…“).
- Wirkung erklären und Erwartungen klären.
- Unterstützung anbieten.
Beim Feedback bekommen:
Gerade am Anfang kann Feedback zum Rollenwechsel wertvoll sein:
- „Wie erlebst Du mich in meiner neuen Rolle?“
- „Gibt es etwas, was ich anders machen sollte, damit unsere Zusammenarbeit gut funktioniert?“
- „Was hilft Dir gerade, was irritiert Dich?“
Wichtig:
Nimm Feedback erst einmal an, ohne Dich sofort zu rechtfertigen. Du musst nicht alles übernehmen – aber Du zeigst, dass Du zuhörst.
7. Umgang mit Neid, Skepsis oder Widerstand
Nicht alle werden sich uneingeschränkt für Dich freuen. Mögliche Reaktionen:
- „Warum ausgerechnet sie/er?“
- „Früher warst Du auch nicht besser.“
- „Jetzt, wo Du Chefin/Chef bist, hast Du Dich verändert.“
Wichtig:
- Normalisieren: Es ist okay, dass es gemischte Gefühle gibt.
- Professionell bleiben: Nicht in Rechtfertigung oder Kämpfe verfallen.
-
Gespräche anbieten:
- „Ich habe den Eindruck, dass die neue Situation für Dich herausfordernd ist. Magst Du mir sagen, was genau Dich beschäftigt?“
- Grenzen setzen, wenn Verhalten respektlos wird.
Du bist nicht verantwortlich dafür, dass alle Dich „lieben“ – aber dafür, respektvoll und fair zu führen.
8. Unterstützung holen: Du musst das nicht allein können
Der Rollenwechsel ist ein Lernprozess.
Hilfreiche Ressourcen:
-
Mentorin oder Sparringspartnerin
- Jemand mit Führungserfahrung, mit dem Du offen sprechen kannst.
-
Führungskräfte-Trainings oder Coaching
- Gerade am Anfang eine große Abkürzung.
-
Austausch mit anderen neuen Führungskräften
- Ihr habt oft ähnliche Themen.
Zeig auch nach oben, was Du brauchst:
„In meiner neuen Rolle sind Themen X und Y für mich herausfordernd. Ich würde mich über Unterstützung in Form von … freuen.“

Drei konkrete Schritte für Deinen Rollenwechsel
Rollen-Statement für Dich formulieren (kurz und klar)
- „Als Führungskraft ist es mir wichtig, …“
- „Meine Schwerpunkte sind …“
- Das hilft Dir, Entscheidungen und Verhalten daran auszurichten.
Teamgespräch planen
- 30–60 Minuten mit Deinem Team:
- Rollenwechsel offen ansprechen
- Deine Erwartungen und Deine Unterstützung deutlich machen
- Fragen und Bedenken zulassen
1:1-Gespräche mit Schlüsselpersonen führen
- Besonders mit ehemaligen „engen“ Kolleginnen oder starken Meinungsführerinnen:
- „Wie erlebst Du die Veränderung?“
- „Was brauchst Du von mir, damit unsere Zusammenarbeit gut funktioniert?“